#1

~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 01.07.2015 20:34
von GHP • 2.383 Beiträge

In Anbetracht der immer mal wieder im Zusammenhang mit HiFi-Wiedergabe vorgebrachten Kritik an
der dynamischen Kompression von Audiomaterial erscheint es mir sinnvoll, ein paar Worte dazu zu sagen.
Aufgrund einer gewissen Komplexität der Thematik ist es sicherlich sinnvoll, diesen Beitrag mehrteilig
zu gestalten.



Teil 1


Immer wieder liest man etwas von Kompression im Zusammenhang mit Musik. Hier soll es deshalb
um dieses interessante Thema gehen. Wohlgemerkt ist hier von DYNAMIKkompression, nicht aber
von DATENkompression die Rede ! ;-)
Schon seit vielen Jahren hat der Kompressor in HiFi-Kreisen einen ziemlich schlechten Ruf, gilt
er doch als, neben dem EQ, primäres klangliches Teufelszeug. Gerade der nunmehr seit den 90ern andauernde
Loudness War scheint die Kritiker der dynamischen Kompression in der Musik vollauf zu bestätigen.
Unter dem Loudness War, manchmal auch Loudness Race genannt, versteht man die Tatsache, dass sich
Musikproduktionen scheinbar tatsächlich ein Rennen darum liefern, wer der Lauteste ist. Unter Loudness/Lautheit
versteht man die subjektive Empfindung der Lautstärke eines akustischen Ereignisses.
Dennoch aber darf man Lautstärke und Lautheit nicht miteinander verwechseln. Dummerweise werden in der
deutschen Sprache beide Termini quasi gleich verwendet, was in der Sprache der Akustik aber falsch ist.
Die Lautheit oder tatsächlich besser Loudness, um Verwechslungen zu vermeiden, ist eine psychoakustische
Größe !
Vor vielen Jahren schon kamen Untersuchungen angeblich zu dem Ergebnis, daß der durchschnittliche Radiohörer,
den es damals anzusprechen galt, beim Durchgehen der Radiosender oftmals bei dem hängenbleibt, der am lautesten
rüberkommt. Das Radio war auch jahrzehntelang das Medium schlechthin wenn es galt, Platten zu bewerben und hatte
somit massive kommerzielle Bedeutung auch hinsichtlich des zu erzielenden Plattenabsatzes. Speziell in den USA
hatten die großen Radio-DJs wie der legendäre Wolfman Jack großen Einfluß darauf, WAS sich schließlich WIE OFT verkaufte.
Mit ausreichendem Airplay ließen sich teils Millionenverkäufe von LPs erzielen. Folglich versuchte man auch von Seiten
der Plattenfirmen und Medienkonzerne Einfluß auf die Sender und DJs zu nehmen. Um nun Hörer für Sender zu gewinnen, versuchten einige Sender durch höhrer Lautstärke anderen Sendern gegenüber zu punkten.
Der Mensch reagiert in sehr hohem Maße auf Lautstärke- und Lautheitsänderungen, was beim Vergleich von Aufnahmen dazu führen kann, daß die lautere erst mal als die bessere empfunden wird. Bekannt ist das Phänomen, daß beim A-B-Vergleich von zwei Quellen so gut wie immer die lautere als die bessere empfunden wird. Dies liegt in der Natur der menschlichen Hörwahrnehmung und ist darum kaum umgehbar.
Als Konsequenz daraus entwickelte man die Möglichkeiten, Aufnahmen so zu komprimieren, daß sich eine höhere Lautheit,
also subjektiv empfundene Lautstärke ergibt, um im Vergleich zu anderen Aufnahmen, Platten und Radiosendern besser
dazustehen. Man kann nun bereits im Tonstudio auf höhere Lautheit hin komprimieren oder mittels Broadcast Prozessoren
bei den Radiosendern eine loudness-orientierte Dynamikkompression vornehmen. Natürlich läßt sich auch eine bereits
stark komprimierte Aufnahme für's Radio noch weiter pushen. Als Utensil dafür hat der Orban Optimod reichlich Berühmtheit erlangt. Es gibt beim Broadcast Processing auch Sprecher-Presets mit personenbezogene Voreinstellungen, die manche Sprecher und Moderatoren besonders einschmeichelnd, beispielsweise sonor klingen lassen. ;-)

Mag das oftmals zu hörende Ergebnis auch abschreckend klingen, so ist eine Dynamikkompression dennoch integraler Bestandteil der Musikproduktion - und das nicht umsonst.
Um dies zu verstehen, muß man sich etwas mit Physik beschäftigen und vergegenwärtigen, welchen enormen Dynamikumfang das menschliche Gehör besitzt. Etwa 120dB beträgt die menschliche Hördynamik. Das bedeutet, daß der höchste zu verarbeitende Schallduck 1000.000 mal so hoch ist wie der niedrigste, der gerade noch wahrnehmbar ist ! Dieses Verhältnis ist enorm. Machen wir mal einen Vergleich mit der Wahrnehmung von Gewichten, um zu verdeutlichen was das bedeutet :
Wäre 1g eben noch wahrnehmbar, würde also die Wahrnehmbarkeitsschwelle markieren, betrüge das höchste zu ertragende Gewicht 1t, also 1000kg, ein Wert, der jeden menschlichen Knochen bricht.
Das menschliche Gehör nun ist in der Lage, Schalldrücke die sich um den Faktor 1 Million unterscheiden, zu verarbeiten.
Und tatsächlich haben einige akustische Instrumente oder Kombinationen daraus, eine enorme Dynamik deren naturgetreue
Reproduktion entweder gar nicht erwünscht ist, oder aber in normalen häuslichen Abhörsituationen kaum bis gar nicht
realisierbar ist. Der Dynamikumfang ein kompletten Symphonieorchesters liegt bei etwa 90dB. Damit hier aber noch
jedes akustische Detail hörbar würde, müßte der Spitzenpegel 90dB über dem Ruhegeräuschpegel der häuslichen oder
sonstigen Umgebung liegen. Legt man jetzt einen realistischen Noisefloor von 30-40dB zugrunde, würde dies bedeuten,
daß der orchestrale Spitzenpegel bei gewaltigen 130dB, also in etwa der durchschnittlichen Schmerzgrenze des Menschen läge.
Das aber will wohl keiner, denn schließlich soll Musik ein Genuß sein. Kommt noch hinzu, daß die Nichtlinearität menschlicher Hörwahrnehmung mit steigendem Pegel nachläßt und dadurch hohe und tiefe Frequenzen bei Lautstärkepegeln über 100dB(A) stärker wahrgenommen werden, was im Übrigen auch erklärt, warum so manches Musikstück mit sehr hoher Lautstärke zunehmend lästig wird.

Es wird sicherlich deutlich, daß will man eine wohnungs- und gehörfreundliche Wiedergabe erzielen, die Dynamik reduziert werden muß. Auch wenn Rock, Pop, Jazz usw. meist nicht die Dynamik eines kompletten Orchesters bieten, ist auch deren dynamisches Verhältnis seltenst mit realen Pegelverhältnissen zuhause auch nur annähernd reproduzierbar.
Es ist nun die Aufgabe der Kompression, das Verhältnis von kleinstem zu höchstem Pegel sinnvoll zu reduziert, um so eine Aufnahme zu erhalten, die auch unter normalen Bedingungen abspielbar ist und Freude macht.


... to be continued.


Hybride Grüsse - GHP

nunmehriges Goldohr ! ;-)
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#2

RE: ~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 04.07.2015 18:59
von CD-Sammler • 996 Beiträge

Servus,

das ist wirklich ein super Artikel, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung. Thumbs up!

Musikalische Grüße,
Alex


MP3 sind Fastfood. Echte Genießer hören FLAC!
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#3

RE: ~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 05.07.2015 12:42
von antwerp • 602 Beiträge

Bravo GHP, habe mich sehr gefreut über Deinen Beitrag - der soweit ich das erkennen kann ja noch mehrere Fortsetzungen vertragen kann. Ja, ich freue mich darauf.

Gruß antwerp


Linnaner
Jeder hört mit seinen Ohren.
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#4

RE: ~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 05.07.2015 13:43
von starwatcher (gelöscht)
avatar

dem schließe ich mich an, nachdem ich heute endlich die Zeit gefunden habe, den Beitrag zu lesen. Freu mich auf die Fortsetzung!

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#5

RE: ~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 06.07.2015 21:49
von GHP • 2.383 Beiträge

Teil 2


Beim Abmischen eines Stückes spielt auch die Einzeltrackkompression eine wichtige Rolle. Bis dato war ja nur von einer
Summenkompression, also der Kompression der fertigen Aufnahme die Rede. Um einen harmonischen Gesamtklang im Sinne einer angenehmen und praktikablen Reproduzierbarkeit beim Hörer zu erzielen müssen ggf. einzelne Tracks, z.B. ein sehr dynamisches Schlagzeug, so komprimiert werden, daß sie andere Tracks - hier sind Einzelspuren bei der Abmischung gemeint - musikalisch zur Geltung kommen lassen. Mit einer simplen Pegelregelung am Mischpult ist es hier nämlich nicht getan. Also bereits beimn Abmischen und nicht erst bei der Summenbearbeitung, ist der Kompressor ein essentielles tontechnisches Werkzeug auf das nicht verzichtet werden kann.
Was macht nun eigentlich ein Kompressor genau ?
Der Kompressor zählt zur Gattung der sogenannten Regelverstärker. Er verringert die Signaldynamik oberhalb eines einstellbaren Schwellwertes (Threshold), wobei das Kompressionsverhältnis (Ratio) ebenfalls einstellbar ist. Das bedeutet, daß oberhalb des Schwellwertes jede Signalspannung nur noch in einem bestimmten, wählbaren Verhältnis zur Originalspannung, beispielsweise 1:2 steht. So läßt sich die Originaldynamik gezielt einengen und der Verhältnissfaktor der Signalspitzen zu den schwächsten Spannungen sinkt. Hohe Spannungsspitzen werden also "weniger laut" gemacht. Durch die konstant bleibende Verstärkung hinter der Kompressionsstufe kann man nun die Lautheit des Gesamtsignals erhöhen. Impulsspitzen werden durch das passend gewählte Kompressionsverhältnis abgefangen. Bei sehr hohem Ratio, z.B. 1:20, spricht man von einem Limiter, da sich der Ausgangspegel bei Überschreiten des Schwellwertes praktisch nicht mehr ändert. So kann sichergestellt werden, daß ein bestimmter Maximalpegel nicht überschritten wird, was für die Aussteuerung von Signalen spätestens in der Digitaltechnik, bei der 0.0dBFS das digitale Maximum definiert, von größter Wichtigkeit ist, um Übersteuerung zu vermeiden. Analoge wie digitale Kompressoren besitzen je nach Auslegung noch diverse weitere Parameter die es einzustellen gilt, so daß sich eine Anpassung der Regelcharakteritik an das spezifische Signal - Einzeltracks wie Mischersumme - vornehmen läßt. Tatsächlich ist die signalspezifische Parametrisierung von Kompressoren eine echte Kunst !
Die Digitaltechnik ermöglicht auf diesem Gebiet interessante Features, die analog nur schlecht bis gar nicht realisierbar wären. Beispielsweise besitzen einige Digitalkompressoren eine sogenannte "Look Ahead" - Funktion, bei der mittels Signalverzögerung eine zeitlich vorauseilende Analyse des Signals vorgenommen und dementsprechend geregelt werden kann. Ein schönes Beispiel für etwas, was nur auf digitaler Ebene möglich ist. Aber auch analoge Kompressoren haben ihre Berechtigung. In Studiokreisen besitzen bestimmte Geräte, allen voran die legendären Fairchild-Kompressoren aus den 1960ern einen Ruf wie Donnerhall. Nicht etwa weil sie perfekt wären, sondern ganz im Gegenteil, weil sie eine Soundfärbung durch die damals verwendeten Schaltungen und Bauteile generieren, die von sehr vielen Studiotechnikern und Musikern als ausgesprochen musikalisch empfunden wird. Selbiges gilt auch für die Vintage-Equalizer vorwiegend britischer Provenienz. Speziell EQ- und Kompressortechnik aus den 60er und 70er Jahren genießt hohes Ansehen in der Studioszene. Inzwischen versucht man mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, diese legendären "Klangformer" auf digitaler Ebene mit Plugins zu emulieren. Ein weiterer berühmter, man kann auch sagen berüchtigter Kompressor ist der Multibandkompressor. Bei diesem wird, wie der Name schon andeutet, das Signal in mehrere einzelne Frequenzbänder zerlegt, die vollkommen separat parametrisiert werden können, so daß eine deutlich feinere Abstimmung, aber auch ein deutlich größerer Effekt der Lautheitserhöhung sich erzielen läßt. So kann man im Bassbereich eine drastische Erhöhung der Lautheit erzielen ohne den Höhenbereich in Mitleidenschaft zu ziehen. Zusammen mit dem Mastering-Limiter ist der Multibandkompressor das Werkzeug welchem wir leider auch den Loudness War zu verdanken haben, lassen sich mit diesen beiden Tools doch enorme, bei natürlichen Signalen unmögliche Loudnesswerte erzielen. Letztendlich zählt aber was der Tonigenieur damit anstellt, denn der teilweise unnatürliche, gepresste, verzerrte Klang so mancher Aufnahme der letzten Jahre, ist nicht zwangsläufig das Ergebnis der Anwendung von Multibandkompressoren und Mastering-Limitern, sondern das Resultat musikalisch unsinniger und damit falscher Einstellungen.

Nicht also die schiere Existenz dieser Tonstudiowerkzeuge ist die Sünde, sondern der oftmals anzutreffende Umgang damit !


Hybride Grüsse - GHP

nunmehriges Goldohr ! ;-)
zuletzt bearbeitet 07.07.2015 18:27 | nach oben springen

#6

RE: ~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 07.07.2015 17:43
von starwatcher (gelöscht)
avatar

echt interessant! Hast Du die Möglichkeit, dazu Demo-Soundfiles zu erstellen und hier abzulegen? Das wäre noch die Sahen auf dem Ei (oder so)...

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#7

RE: ~~~ Dynamikkompression in der Musikproduktion und die Bedeutung des DR-Wertes ~~~

in Technik - Studiobereich 07.07.2015 17:59
von GHP • 2.383 Beiträge

Ich werde noch Aufnahmen in anschaulicher Form mit exakten Werten präsentieren.
Ob sich auch Sound-Beispiele hier präsentieren lassen ist wohl eine technische und rechtliche Frage.
Von meiner Seite aus steht dem nichts im Wege. Auch ließen sich dergestalt einmal Beispiele für's (Re)Mastering geben.


Hybride Grüsse - GHP

nunmehriges Goldohr ! ;-)
zuletzt bearbeitet 07.07.2015 19:01 | nach oben springen


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