#1

Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 09.07.2017 21:33
von Simplon • 1.129 Beiträge

1959 - The Most Creative Year In Jazz






1959 war ein besonderes Jahr im Jazz. Von Miles Davis bis Ornette Coleman gab es einen neuen Stil, der vor allem den Musikern mehr harmonische Freiheiten gab als in allen vorherigen Jazzstilen. Leider auch ein Jahr der Abschiede, allen voran Lester (Pres) Young und Billy Holliday, die manche als die größte Jazzsängerin aller Zeiten sahen. Sie hatte das Gefühl für diese Musik so verinnerlicht wie keine vor und nach ihr. Man sagte, wenn sie die Betriebsanleitung eines Hoover Staubsaugers singen würde, ginge das auch zu Herzen.

Hier stellvertretend für das Jahr 1959 im Jazz fünf großartige Alben, die auch heute in keiner Jazz-Sammlung fehlen (sollten):

Miles Davis
Kind of Blue





Bild entfernt (keine Rechte)Charles Mingus
Mingus Ah Um





Bild entfernt (keine Rechte)Dave Brubeck
Time Out





Bild entfernt (keine Rechte)Ornette Coleman
The shape of Jazz to come





Bild entfernt (keine Rechte)John Coltrane
Giant Steps







Warum sind gerade diese Alben so wichtig für den Jazz der kommenden Zeit? Sie habe Grenzen gesprengt und dem Jazz den Weg für die kommende Dekade gezeigt bis zum Jazz Rock.

1959 war sicherlich das kreativste Jahr der Jazzgeschichte. Und die oben genannten Meisterwerke sind ja nicht vom Himmel gefallen. Das sind große Schritte der musikalischen Entwicklung, von diesen Musikern im gleichen Jahr entdeckt und umgesetzt, ähnlich wie es die Rockmusik 10 Jahre später erlebte mit Jimmy Hendrix, Led Zeppelin, Rory Gallagher etc.

Miles ist nich morgens aufgewacht und hat gesagt, heute produziere ich mit Kind Of Blue ein Meisterwerk, das viele beeinflussen wird. Ähnlich erging es den anderen auch.

Man könnte über alle fünf genannten Werke schreiben, über ihren neuen freieren musikalischen Stil, im Nachhinein über ihren Einfluß auf den Jazz aufzeigen etc. Tom wollte vor einigen Tagen unter "Was läuft gerade" über das Dave Brubeck Quartett und ihr Album Time Out schreiben und hat es dann wohl vergessen. Deshalb schreibe ich in einem hier im Forum neuen, ausführlichen Stil über das Jahr der Entstehung 1959, über das Album und den Cool Jazz Klassiker Take Five, der nicht als Hit geplant war. Joe Morello wollte nur ein Drum Solo für die Liveauftritte, mehr nicht. Altsaxofonist Paul Desmond hat dann mit Take Five den ersten Million Seller des Jazz geschrieben, trocken wie ein Martini. Der Hit hat Dave Brubeck damals in den Olymp des Cool Jazz geschossen.

Dave Brubeck und seine drei Mitstreiter hinterließen der Nachwelt sieben Stücke, die eingängig, aber niemals einfältig sind, deren atmosphärische Dichte die Jahrzehnte mühelos überdauert hat, ohne Patina anzusetzen. Ich empfinde das Album allerdings heute doch etwas trocken, Martiny dry halt.

Vor vielen Jahren in einem Plattenladen fragte eine Frau nach einer Jazzplatte mit Klavier. Die Ladenbesitzerin war hilflos. Ich holte Time Out, spielte Take Five und genau das wollte die Dame ihrem Mann schenken.

Die von Tom zitierte, mit 45 UpM geschnittene Doppel- LP zieht vom Einstiegs-Song „Blue Rondo A La Turk“ – tatsächlich vom Türkischen Marsch von Mozart inspiriert – über das berühmte „Take Five“ bis zum überschäumenden „Everybody’s Jumpin“ auch heute noch in den Bann.


The Dave Brubeck Quartett & Gerry Mulligan "Last Set At Newport - Take Five" (Atlantic Records)






George Wein hatte auf den Rhode Islands seine berühmten Newport Open Air Festivals veranstaltet. Berühmt wurde auch das dort aufgenommenen Album "Ellington at Newport live 1956" (auch schon von Tom hier im Forum vorgestellt) mit dem sagenumwobenen "Diminuendo In Blue And Crescendo In Blue [Live]", welche zu sehr später Stunde das bis dahin schon von einem langen Festival- Tag erschöpfte Publikum förmlich vom Stuhl riss und dem Duke Ellington Orchester eine zweite Karriere eröffnete.






Beim letzten Newport Festival am 3. Juli 1971 spielte das Dave Brubeck Quartett, damals schon mit dem Bariton-Saxophonisten Gerry Mulligan anstatt dem Altsaxophon-Player Paul Desmond. Wenn auch klangtechnisch nicht so auf der Höhe wie Time Out, spielt diese Formation Talke Five in einer sehr inspirierten, lebendigen Form. Mir persönlich hat sie immer schon besser gefallen, weniger Martiny Dry Klang.

Wen einer von Euch im Forum bis hier gelesen hat, sage ich schon mal höflich Dank. Während ich es geschrieben habe, lief die neue Platte Upward Spiral von Branford Marsalis Quartet feat. Kurt Elling

Für unsere Forums- Teilnehmer, die mehr an Technik interessiert sind, sage ich "einfach skipen" - so wie ich z.B. die Devialete News mangels Gerät überspringe.

Musik was my first love and it will be my last, Musik of the future and Musik of the past.
simplon


It don´t mean a thing if it ain´t got that swing (Duke Ellington, lyrics: Erving Mills, 1931)
zuletzt bearbeitet 10.07.2017 09:12 | nach oben springen

#2

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 09.07.2017 22:47
von tom539 • 1.663 Beiträge

Zitat von Simplon im Beitrag #1
Tom wollte vor einigen Tagen unter "Was läuft gerade" über das Dave Brubeck Quartett und ihr Album Time Out schreiben und hat es dann wohl vergessen.

Hallo Simplon,

nein, ich habe es nicht vergessen!
Das Paket kam erst Samstag an und ich habe es am WE gerade mal geschafft, die Platten auszupacken. Da stehen sie nun ganz oben auf dem Regal und warten nur darauf, gehört zu werden...

Aber Danke für Deinen Post, der wie so oft sehr fundiert ist und viel Hintergrundinfo enthält. Der Bericht zu den einzelnen Versionen von Time Out kommt noch, gib mir einfach noch ein paar Wochen Zeit (die nächste Woche ist mit dem Konzert von Norah Jones und Jamie Cullum in Stuttgart auch schon ziemlich verplant).


Gruß, Tom
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#3

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 10.07.2017 21:08
von Gibbuts • 137 Beiträge

Super Jungs, dass ihr hier mal einem Newcomer wie mir eine kleine Einführung in den Jazz gewährt.
Wenn man über ein Musikstil so gut wie keine Ahnung hat ist man da natürlich begeistert.
Sicher "Take Five" kenn sogar ich, aber über eine Liste von Jazz Highlights bin ich von Herzen dankbar!
Weiter so....!👍😉😋
Schönen Gruß und Tausend Dank


Gibbuts
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#4

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 15.07.2017 16:56
von tom539 • 1.663 Beiträge

Zitat von tom539 im Beitrag #2
Der Bericht zu den einzelnen Versionen von Time Out kommt noch, gib mir einfach noch ein paar Wochen Zeit (die nächste Woche ist mit dem Konzert von Norah Jones und Jamie Cullum in Stuttgart auch schon ziemlich verplant).

Da ich es selber auch nun wissen wollte - ich bin völlig baff, wie groß der Unterschied zwischen den beiden Vinylausgaben ist

Die Pressung von Acoustic Sounds ist nicht nur sehr viel lauter, sondern auch klanglich so viel besser als meine bisherige Ausgabe.
Die erste Minute von Blue Rondo A La Turk zeigt das sowas von deutlich - die 43€ sind also gut angelegt. Nun muss ich unbedingt in Ruhe die ganze Platte hören


Gruß, Tom
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#5

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 15.07.2017 22:16
von Simplon • 1.129 Beiträge

Hi Tom,
Bei mir läuft das Remastering von Bernie Grundman aus 2012. Erschienen auf 2 LPs mit 45 rpm bei Columbia CS 8192. Irgendwie müsste die in den Vergleich. Siehe das Cover im ersten post zum Thema.


It don´t mean a thing if it ain´t got that swing (Duke Ellington, lyrics: Erving Mills, 1931)
zuletzt bearbeitet 15.07.2017 22:18 | nach oben springen

#6

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 16.07.2017 09:47
von antwerp • 637 Beiträge

Ich habe nur eine sehr alte, oder die erste Columbia Stereo Version, die nicht schlecht ist. Nur die sehr weite Distanz zwischen den 4 Musikern missfällt mir beim zuhören. Ich rechtfertige das immer mit der damaligen Vorliebe bei Stereoaufnahmen. Das Schlagzeug befindet sich außerhalb der Basis links und klingt bedeutend kleiner als auf heutigen modernen Aufnahmen. Brubecks Piano habe ich rechts und es erscheint mir auch klanglich sehr klein.
Habe diese Platte mehrfach auf Messen gehört, dort hat mir Take five meistens besser gefallen, als auf meiner Kette. Meistens wurde sie natürlich mit höhere Lautstärke präsentiert, aber sie klang gefühlsmäßig auch voller, als meine eigene.


Linnaner
Jeder hört mit seinen Ohren.
zuletzt bearbeitet 16.07.2017 09:52 | nach oben springen

#7

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 16.07.2017 13:16
von tom539 • 1.663 Beiträge

Zitat von Simplon im Beitrag #5
Hi Tom,
Bei mir läuft das Remastering von Bernie Grundman aus 2012. Erschienen auf 2 LPs mit 45 rpm bei Columbia CS 8192. Irgendwie müsste die in den Vergleich. Siehe das Cover im ersten post zum Thema.


Hallo Simplon,

ich habe mal ein wenig recherchiert - Du hast dann vermutlich diese Ausgabe:

https://www.discogs.com/de/The-Dave-Brubeck-Quartet-Time-Out/release/3791080

Meine ist hingegen diese:

https://www.discogs.com/de/The-Dave-Brubeck-Quartet-Time-Out/release/7632519

Bei von Columbia bzw. Acoustic Sounds, je 200gr. Schwer und von Bernie Grundmann remastert, Deine auf zwei LPs mit 45RPM, meine als einfache 33,3er.

Von den reinen Parametern würde ich nun mal vermuten, dass Deine 45er-Ausgabe von 2012 klanglich noch über meiner 2015er-Ausgabe liegen wird. Wäre jedenfalls ein interessanter Vergleich.

Was hast Du für die Ausgabe bezahlt und wo/wann gekauft? Habe die als MINT-Ausgabe nicht unter 75€ im Kopf.

Vom Label Acoustic Sounds habe ich übrigens auch die ersten vier Alben von Norah Jones, gerade läuft "Not too late"...


Gruß, Tom
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#8

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 16.07.2017 13:23
von tom539 • 1.663 Beiträge

Und noch schnell das Ranking der mir vorliegenden Versionen:
1. 200gr. Single-Vinyl, 33,3 von Acoustic Sounds

Dann mit gehörigem Abstand:
2. HD-Download in 96/24

Gleichauf:
3 + 4. Doppel-Vinyl "Time Out/Time furthur out" von Not Now Musik, 2012
CD-Rip in 44,1/16, Columbia, 1997


Gruß, Tom
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#9

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 16.07.2017 14:39
von antwerp • 637 Beiträge

Hat jemand die im ersten Beitrag abgebildete Take five? Das ist die (LP) Ausgabe, die ich besitze. Eine andere habe ich nicht.
Was haben sie denn bei den neueren Ausgaben anders gemastert? In wie fern klingen die anders?
Meistens sind sie dann etwas lauter und der Unterschied in der Lautstärke zu modernen Aufnahmen fällt nicht mehr so auf. So empfinde ich es immer. Dass sie wirklich besser klingen ist eher selten.
Weniger halte ich persönlich von 33 1/3 auf 45 geänderter Umdrehungen und damit verbundenen 2 LPs aus einem Album, das nun öfter Anwendung findet.
Meine LP Ausgabe stammt aus 1982 - die ich nach dem ersten Besuch der damals noch HiFI Düsseldorf genannten heutigen Highend in München im heimatlichen Musikgeschäft bestellen musste, da sie dort nicht bekannt war. Der Aufkleber des Musikgeschäfts ist noch auf dem Cover vorhanden und erinnert mich jedes Mal an die Prozedur. Immer wieder eine tolle Erinnerung.


Linnaner
Jeder hört mit seinen Ohren.
zuletzt bearbeitet 16.07.2017 15:01 | nach oben springen

#10

RE: Der Jazz im Jahre 1959 und Dave Brubeck Time Out

in Jazz 16.07.2017 16:25
von Simplon • 1.129 Beiträge

Zitat von antwerp im Beitrag #9
Hat jemand die im ersten Beitrag abgebildete Take five? Das ist die (LP) Ausgabe, die ich besitze. Eine andere habe ich nicht.
Was haben sie denn bei den neueren Ausgaben anders gemastert? In wie fern klingen die anders?
Meistens sind sie dann etwas lauter und der Unterschied in der Lautstärke zu modernen Aufnahmen fällt nicht mehr so auf. So empfinde ich es immer. Dass sie wirklich besser klingen ist eher selten.
Weniger halte ich persönlich von 33 1/3 auf 45 geänderter Umdrehungen und damit verbundenen 2 LPs aus einem Album, das nun öfter Anwendung findet.
Meine LP Ausgabe stammt aus 1982 - die ich nach dem ersten Besuch der damals noch HiFI Düsseldorf genannten heutigen Highend in München im heimatlichen Musikgeschäft bestellen musste, da sie dort nicht bekannt war. Der Aufkleber des Musikgeschäfts ist noch auf dem Cover vorhanden und erinnert mich jedes Mal an die Prozedur. Immer wieder eine tolle Erinnerung.


Hi antwerp,

ob die 45er besser ist, kann mich nur feststellen, wenn man den Vergleich anstellt. Zumindest die Tatsache, das Bernie Grundman einer der bekanntesten Tonmeister der Welt mit dem Remaster beauftragt war, schliesst aber einige Deiner Vermutungen wie reine Lautstärke- Anpassungen etc. aus.


It don´t mean a thing if it ain´t got that swing (Duke Ellington, lyrics: Erving Mills, 1931)
zuletzt bearbeitet 16.07.2017 19:52 | nach oben springen


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